089 - 215 52 20 40
Stadt wählen

Schmeckt Wein aus mundgeblasenen Gläsern besser?

Zu Besuch in der Glasmanufaktur von Zwiesel Kristallglas

Das Geheimnis der Glasherstellung wurde schon vor ca. 1.600 Jahren – vermutlich im Orient – entdeckt. Und dann von der Zunft der Glasmacher lange gut gehütet. Das uralte Handwerk des Glasmachens hat sich auch heute kaum verändert. Bereits 1872 beginnt in Zwiesel bei der gleichnamigen Manufaktur im Bayrischen Wald die Hochkultur der Kristalltrinkgläser. Hier wachsen Buchen – der Rohstoff für die Befeuerung der Glasöfen und gleichzeitig das beste Holz für die gedrechselten Formen, in welchen die Kelche von Weingläsern geblasen werden. Der niederbayrische Boden ist außerdem reich an Quarzgestein. Der Stoff, aus dem die Träume aus Glas sind. Ideale Voraussetzungen für die Glasherstellung. In dem Zehntausendseelenort werden auch heute noch in der Manufaktur Zwiesel Kristallglas mit die besten Weingläser der Welt gefertigt. Jedes Stück ein Unikat. Gerade mal 100g schwer.

Fotos © Zwiesel Kristallglas

Zwiesel Kristallgläser – Herstellung eines edlen Weinglases mit Tradition | Miomente Entdeckermagazin

5 Mann sind notwendig, um ein einziges Weinglas zu fertigen

5 Mann stehen mit offenen Hemden in der glühend heißen Manufaktur vor dem Ofen, in welchem bei 1200 Grad das Gemenge schmilzt. Der Kölblmacher dreht nun aus dem flüssigen Glas einen Kugel. Eine schweißtreibende Arbeit. Den Glaskolben übergibt er dann an den Einbläser, der ihn in eine gedrechselten Form aus Holz einbläst und daraus den Kelch dreht.

Nun folgt die Kür: Der erfahrene Meister formt freihändig Stiel und Boden des Glases. Perfekt ebenmäßig. 10 Jahre dauert es etwa, bis ein Glasmacher diese hohe Kunst beherrscht. Die 5 Männer funktionieren wie ein Uhrwerk. Hier sitzt jeder Handgriff. Nach etwa zwei bis fünf Minuten ist das Glas fertig und wird in die Kühlung getragen. Die Glasbläser fertigen hier die unterschiedlichsten Gläser: ausladende Bordeauxkelche, geschwungene Burgunder- und elegante Champagnergläser. Aber warum gibt es für schier jede Rebsorte eine eigene Glasform? Dieser Frage will ich auf den Grund gehen.

Cassis, Leder, Paprika – wie aus Glas Geschmack wird

Zusammen mit Andrea Rappolder von Zwiesel Kristallglas verkoste ich Wein aus den feingliedrigen Kelchen aus Kristallglas. Das Bordeauxglas in meiner Hand scheint fast zu schweben. Trotz des voluminös bauchigen Körpers wiegt das Glas fast nichts. Ohne Frage, das Glas sieht unglaublich elegant aus, die Farbreflexe des Bordeaux kommen funkelnd zur Geltung. Sommeliers wie Alexander Kohnen und Sterneköche wie Tim Raue schwören auf die hauchdünnen Gläser aus Zwiesel. Aber schmeckt Wein aus einem mundgeblasenen Glas auch wirklich anders?

In der Tat, erklärt mir Andrea Rappolder. Denn je dickwandiger das Glas, desto stärker überträgt sich die Temperatur des Glases auf den Wein. Je dünner das Glas, desto besser kommt die Temperatur des Weins zur Geltung. Die richtige Temperierung ist bei Weinen extrem wichtig. Darum sollte man das Glas auch immer am Stiel fassen. Sonst überträgt sich die Wärme der Hand auf den Wein. Nur ein mundgeblasenes Glas kann so hauchdünn gefertigt werden.

Ich habe fast etwas Scheu, mit dem federleichten Gebilde anzustoßen, aber Andrea Rappolder versichert mir, dass die Gläser extrem bruchfest sind und auch in die Spülmaschine dürfen. Und, so verrät sie, sie klingen an der bauchigsten Stelle beim Anstoßen besonders schön!

Andrea Rappolder von Zwiesel Kristallglas | Miomente Entdeckermagazin
Andrea Rappolder von Zwiesel Kristallglas
Zwiesel Kristallgläser – Herstellung eines edlen Weinglases mit Tradition | Miomente Entdeckermagazin

Das Glas definiert den Duft

Weingenuss hat sehr viel mit dem Geruch zu tun. Ich soll mein Glas schwenken und dann am Wein schnuppern, meint Rappolder. Ich schwenke, schnuppere am Glas und entdecke tatsächlich Nuancen von Cassis, Leder, Vanille und tatsächlich: grüner Paprika!
Die individuelle Kelchform, erklärt Rappolder, ist entscheidend für die Entfaltung der Aromenvielfalt:

Ein Weinglas sollte sich nach oben hin verjüngen. Dadurch werden die facettenreichen Duftstoffe des Weins wie in einem Kamin gebündelt und gelangen konzentriert in die Nase. Gerade tanninreiche und komplexe Rotweine wie unser Bordeaux brauchen außerdem einen weiten, bauchigen Kelch. So kann der Wein auf einer großen Fläche mit Sauerstoff in Berührung kommen und sich optimal entfalten. Weißwein hat viel weniger Gerbstoffe, die mit Sauerstoff reagieren müssen und filigranere Aromen. Darum sind Weißweingläser schmaler. Ihr Duft wird so besser gebündelt.

Beim Wein sollte man keine dicke Lippe riskieren!

Auch die Glasmündung, erklärt Rappolder, spielt eine ganz entscheidende Rolle beim Weingenuss. Durch die spezielle Wölbung des Glasrandes formen wir Lippen und Zunge unterschiedlich. Dadurch fließt der Wein mal schmaler, mal breiter über die verschiedenen Geschmackszonen der Zunge: Vorne schmecken wir stärker süß, seitlich sauer und weiter hinten bitter.
Bei einem guten Rotweinglas mit weiter Mündung gelangt der Wein in einer breiten Fläche auf die Zunge. Er trifft zunächst auf die vordere Zungenspitze, wo wir seine Süße schmecken, dann auf die seitlichen Bereiche, wo sich die Säure entfaltet, zuletzt nach hinten. Dadurch werden die bitteren Gerbstoffe des Rotweines wesentlich harmonischer wahrgenommen, als bei einem schmalen Glas.

Durch die engere Glasmündung bei Weißweingläsern läuft der Wein spitzer in den Mund ein und trifft dort auf den vorderen Bereich der Zunge – also auf die süße Region. Dadurch wird die bei Weißweinen vorhandene Säure ausgeglichen.

Ich mache den Test: Zum Vergleich trinke ich den gleichen Rotwein aus einem dickwandigeren Glas mit schmaler Öffnung. Er wirkt wesentlich flacher und langweiliger. Ich kann die verschiedenen Aromen von vorhin nicht mehr erkennen. Gerade beim Weinglas sollte man also keine dicke Lippe riskieren. Jetzt verstehe ich auch, warum Sommeliers nur diese Gläser benutzen möchten – und hoffe, dass das faszinierende Handwerk des Glasblasens noch lange von Weinkennern geschätzt wird und erhalten bleibt.

Zwiesel Kristallgläser – Herstellung eines edlen Weinglases mit Tradition | Miomente Entdeckermagazin
Zwiesel Kristallgläser – Herstellung eines edlen Weinglases mit Tradition | Miomente Entdeckermagazin

Menü